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Vorwort: Über die Hubertus-Messe für Jagdhörner in B
Sakrileg oder Herausforderung?
Hubertus-Messen haben bei der reitenden Jagd in Belgien
und Frankreich ein lange Tradition. Seit etwa 200 Jahren geben Jäger und
Reiter der Liturgie herbstlicher Gottesdienste mit ihren Parforcehörnern
einen ganz besonderen Klang. Fremd ist diese Musik für "deutsche
Ohren" immer geblieben. Und doch vergißt kaum jemand die Faszination
der ersten Begegnung mit der Trompe de Chasse und mit den Chören und
Fanfaren der Grande Messe de Saint-Hubert in ihrer ursprünglichen
Fassung.
Um die Mitte der fünfziger Jahre begann das Interesse
der deutschen Jägerschaft, insbesondere der Jagdhornbläser für diese
Form jagdlicher Gottesdienste zu wachsen. Französische
Parforcehorn-Gruppen bliesen die Messe während der Internationalen
Ausstellung für Jagd und Sportfischerei 1954 in Düsseldorf und später
im Xantener Dom anläßlich einer Ordenstagung des deutschen Falkenordens.
Bald danach tauchten die ersten Parforcehörner in den Bläsergruppen der
Landesjagdverbände auf und vereinzelt hörte man französiche Fanfaren
und Jagdstücke als Ergänzung zum Repertoire der deutschen Jagdsignale
und Jägermärsche.
Um die Mitte der sechziger Jahre sammelte sich der
"Kurpfälzer Jagdhornbläserkreis Heidelberg" um Rheinhold
Stief, den späteren Landes-Bläserobmann in Baden-Württemberg, und
weckte das Parforcehorn in Es buchstäblich aus dem Dornröschenschlaf.
Dieses Horn war im 19. Jahrhundert vor allem in Böhmen und Österreich in
Gebrauch, verlor aber mit dem Rückgang der höfischen Jagd zunehmend an
Bedeutung. Es entspricht in Tonumfang und Bauweise im wesentlichen der
französischen Trompe, klingt aber weicher und voller im Ton.
Mit den ersten Schallplatten-Aufnahmen der Kurpfälzer
und vielen Auftritten bei Jagdhorn-Wettbewerben, Jägertagen und
Jagdausstellungen wurde das Parforcehorn in Es zusammen mit der
Hubertus-Messe breiten Kreisen der Jagdhornbäser in Deutschland näher
gebracht. Immer mehr Bläsergruppen rüsteten sich mit umschaltbaren
Parforcehörnern aus, bei denen ein Ventil den Wechsel zwischen den
Tonarten B und Es erlaubt. Damit ist sowohl das Zusammenspiel mit
Fürst-Plesshörnern in gemischten Gruppen möglich als auch die
Interpretation traditioneller Literatur auf dem Es-Horn allein.
Als Notenvorlage für die Hubertus-Messe ist bei uns
bis heute die 1934 veröffentlichte Zusammenstellung von J. Cantin weit
verbreitet, die ihrerseits auf Sammlungen französischer Autoren aus dem
vorigen Jahrhundert zurückgeht. Daneben hat sich die Bearbeitung von
Reinhold Stief durchgesetzt. Sie greift die Cantin-Messe auf und
berücksichtigt den besonderen Charakter der Es-Hörner, der sich in Ton
und Blastechnik erheblich von dem der französischen Schwester Trompe
unterscheidet.
Mittlerweile hat sich die Hubertus-Messe im Repertoire
vieler Bläsergruppen fest etabliert. Zusammen mit der Verbreitung des
Parforcehorns in Es wurden zahllose Fanfaren und Jagdstücke aus alten
Sammlungen ausgegraben. Neue Bearbeitungen und Kompositionen haben die
Literatur inzwischen bereichert und bieten zusammen mit den überlieferten
Stücken ein weites Betätigungsfeld für ambitionierte
Parforcehornbläser. Soweit hat die Integration der Es-Hörner bei der
Pflege und Entwicklung jagdlichen Brauchtums in den vergangenen 30 Jahren
zweifellos positive Akzente gesetzt.
Angesichts dieser insgesamt erfreulichen Entwicklung
muß allerdings auch darauf geachtet werden, daß der Bezug zwischen
Jagdmusik und aktueller jagdlicher Praxis hierzulande gewahrt bleibt.
Mittlerweile hört und liest man bereits von der Hohen oder Konzertanten
Jagdmusik, deren Interpretation den Parforcehörnern in Es vorbehalten
sei. Diese verengte Sichtweise stempelt das Fürst-Pleß-Horn zum
nachrangigen Signalinstrument und hat in vielen Bläsergruppen dazu
geführt, das Es-Horn als Königsweg zu sehen und nicht als sinnvolle
Ergänzung zum eigentlichen Jagdgebrauchshorn. Mancherorts haben sich
Es-Horn-Gruppen aus den Gemischten Bläsergruppen der Kreisjagdverbände
herausgelöst und sind zu diesen in Konkurrenz getreten. Dadurch wurde das
Bemühen der Jägerschaft um die Plege jagdlichen Brauchtums und eine
effiziente Öffentlichkeitsarbeit zeitweise unnötig erschwert. Im
Ergebnis hat eine "Es-lastige" Verlagerung bläserischen
Potentials begonnen und damit eine unkontrollierte Ausdünnung der
Gemischten Bläsergruppen zumindest an guten Parforcehorn-Bläsern.
Es ist also an der Zeit, diesen Trend zu überprüfen
und der Arbeit auf Fürst-Pleß- und Parforce-Hörnern in B wieder mehr
Aufmerksamkeit zu widmen. Die Bläsergruppe des Kreisjagdverbands Erding
e.V. hat in dieser Hinsicht einige Anstrengungen unternommen, um
interessierten Jagdhornbläsern auch in Zukunft ein attraktives
Betätigungsfeld zu bieten. Neben einer Reihe von anspruchsvollen
Jagdstücken entstand die vorliegende Bearbeitung der überlieferten
Hubertus-Messe für Fürst-Pleß-Hörner und Parforce-Hörner in B. Anders
als bisher wird hier das Parforce-Horn dem Fürst-Pleß-Horn als
Melodie-Instrument gleichwertig gegenübergestellt und nicht mehr als
bloßer Harmonielieferant vernachlässigt. Der kombinierte Tonumfang
beider Hörner in der Melodieführung erschließt so musikalische
Möglichkeiten, die bislang von Gemischten Bläsergruppen wenig genutzt
wurden.
Die Puristen unter den Hubertusjüngern haben in den
vergangnen 25 Jahren nie recht zur Kenntnis genommen, wenn Hubertus-Messen
auch von B-Hörnern musikalisch umrahmt wurden. Die
"Jägermesse" von Hermann Neuhaus wurde 1970 eigens für
Gemischte Bläsergruppen geschrieben. Seitdem tauchten weitere
Kompositionen auf, die sich aber alle weit entfernten von der
ursprünglichen Form der traditionellen Hubertus-Messe und daher letztlich
wenig Akzeptanz gefunden haben. Zu sehr sind die 200 Jahre alten Chöre
und Fanfaren der Grande Messe de St. Hubert bereits in den Ohren deutscher
Jäger verwurzelt, als daß eine Neukomposition noch wirkliche Impulse
geben könnte.
Die Erdinger Bearbeitung für Fürst-Pleß-Hörner und
Parforce-Hörner in B hält sich hingegen weitgehend an die überlieferte
Form der Hubertus-Messe wie sie zuletzt von Cantin und Stief
festgeschrieben wurde. Bei der Übertragung auf die Naturtonreihe der
B-Hörner bleibt die Folge der bekannten Stücke in ihrer liturgischen
Anordung erhalten. Der dynamische Wechsel zwischen getragenen Chören und
kraftvoll geblasenen Fanfaren ist ebenso original, wie die rhythmisch
gegenläufigen Passagen der Einzelstimmen im Wechselspiel miteinander. Die
Anpassung der Melodien an den begrenzten Tonumfang der B-Instrumente
verlangt Kompromißbereitschaft, lebt aber durch die Beschränkung auf das
Wesentliche und durch den stimmlichen Kontrast zwischen kleinen und
großen Hörnern.
Dem parforcegewohnten Ohr wird diese Hubertus-Messe im
Pleß-Horn-Gewand zunächst ungewöhnlich klingen. Allerdings mag den
Liebhaber der Trompe die gezähmte Fassung der Messe für Parforce-Hörner
in Es vor etwa 30 Jahren ähnlich fremd berührt haben. Zwischen dieser
und der französischen Interpretation klafft ohnehin bereits ein herber
Unterschied, der in jüngster Zeit besonders eifrig diskutiert wird, weil
viele Gruppen dazu übergegangen sind, das umschaltbare Parforce-Horn als
Ventilhorn in der Tonart Es zu blasen.
Die technische Diskussion um die richtige
Interpretation und das passende Horn wird für die Botschaft der
Hubertus-Messe am Ende ohne Nutzen bleiben. Die Bläsergruppe Erding
arbeitet weiter unter großem Einsatz an einer neuen Ausdrucksform
überlieferten Brauchtums mit dem einfachen Ziel, das Horn nach der Jagd
mit in die Kirche zu nehmen und so dem zentralen Gedanken des Heiligen
Hubertus von kritischer Überprüfung und ständiger Erneuerung seinen
unverwechselbaren Klang zu geben.
Erding, im Januar 1998
Dr. Michael Welsch
Leiter der Jagdhorn-Bläsergruppe
im Kreisjagdverband Erding e.V.
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